Erinnerungen an Karl Liebknecht

Prof. Wilhelm Eildermann, Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, ehemaliger Bremer Delegierter

Genosse Gräfe und ich fuhren Ostern nach Jena, um als Bremer Delegierte an der Reichskonferenz der Jugendopposition teilzunehmen. Die Ostertage fielen im Jahre 1916 auf den 23. und 24. April. Im Eisenbahnwagen hatten wir während der Fahrt schon Kontakt mit einer Gruppe von Jugendgenossen, die aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet kamen. Besonders in Erinnerung blieb mir ein schwarzhaariges, äußerst lebhaftes Mädel aus Duisburg, das war Rosi Wolfstein.
Als wir uns im Vegetarischen Speisehaus in Jena, wo wir uns als Naturfreunde ausgaben, nach und nach versammelten, lernte ich hier zum ersten Mal persönlich Karl Liebknecht, Edwin Hoernle, Georg Schumann, Otto Rühle und andere kennen. Wir begegneten uns in Jena alle illegal. Die genannten Genossen mussten besonders vorsichtig auftreten. Sie kamen deshalb auch nicht auf das Foto, das von den Teilnehmern der Konferenz im Garten des Restaurants aufgenommen wurde. Es mögen im ganzen dreißig bis vierzig Delegierte aus den Bezirken des Reiches gewesen sein. Den Vorsitz führte Genosse Seibel aus Frankfurt/ Main. Karl Liebknecht hielt das Hauptreferat und begründete die Leitsätze, die nach einer lebhaften Debatte einstimmig angenommen wurden.
Wir wollten vermeiden, in der Stadt irgendwie aufzufallen und gingen deshalb in großen Abständen einzeln oder zu zweit durch die Straßen. Einmal begleitete ich Karl Liebknecht. Dabei erzählte er mir von seinem Kleinkrieg mit der Polizei, die ihn ständig zu bespitzeln versuchte und die er immer wieder überlistete. Liebknecht verstand es ausgezeichnet seinen legalen Kampf mit dem illegalen zu verbinden.
Seine Anwesenheit auf einer illegalen Reichskonferenz der revolutionären Jugend war an sich schon ein Meisterstück.
Beim Wandern durch die an diesen schönen Ostertagen fast menschenleeren Straßen von Jena erzählte mir Karl Liebknecht von seinem Kampf im Reichstag gegen die kriegswütige Meute der bürgerlichen und rechtssozialdemokratischen Kräfte. Systematisch wurde er im Reichstag daran gehindert, die Wahrheit über den imperialistischen Krieg des Kaiserreiches, der ein Verbrechen auch am deutschen Volke war, zu sagen. Die Vertreter der am Kriege interessierten Kapitalisten und Junker konnten frei reden, soviel sie wollten, wenn sich aber Liebknecht zum Wort gemeldet hatte, kamen prompt Anträge auf „Schluss der Debatte“, die auch angenommen wurden. Vor ungefähr zwei Wochen war er von den Kriegshetzern im Reichstag sogar tätlich angegriffen worden. Man hatte ihm seine Notizblätter vom Rednerpult gerissen und auf den Boden gestreut. Als er sie aufheben wollte, erklärte der Reichstagspräsident, Liebknecht habe die Tribüne verlassen und dürfe deshalb nicht weiterreden.
Karl Liebknecht ließ sich aber durch nichts in seinem Kampf beirren. Ich blickte in sein Notizbuch, als er einmal darin blätterte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass er gezwungen sei, für seine Notizen eine Art Geheimschrift zu verwenden, die nur er lesen konnte. Stets musste er damit rechnen, dass die Polizeispitzel versuchen würden, in seinen Sachen zu schnüffeln.
Das Zusammensein mit Karl Liebknecht auf der Konferenz blieb für mich unvergesslich. Er war in Jena in Zivilkleidung, obgleich er als Armierungssoldat nur für die Teilnahme an den Sitzungen des Reichstages beurlaubt wurde. Er sprach sehr viel auf der Konferenz, temperamentvoll und mit großer Suggestivkraft. Manchmal hatte ich das Gefühl, als hämmere er die Argumente in die Zuhörer, weil er bestimmte Formulierungen, Wendungen und Ausdrücke mehrfach wiederholte.