Gedenkartikel Clara Zetkins

Gedenkartikel Clara Zetkins zum 10. Jahrestag der Jenaer Osterkonferenz in der „Roten Fahne“ vom 4. April 1926

Zur Feier des 10. Jahrestages der Jugendkonferenz zu Jena, Ostern 1916

Liebe Jugendgenossinnen und Jugendgenossen! Mit freudigem Stolz gedenkt ihr heute der Jugendkonferenz zu Jena Ostern 1916, die als die Keimzelle eures Verbandes angesprochen werden kann. Euer Stolz ist berechtigt. Die Osterkonferenz der oppositionellen Jugend im Jahre 1916 – so unscheinbar sie manchem dünken mag – war in der Atmosphäre des Kriegs- und Blutrausches, des Verrats der Sozialdemokratie, des Belagerungszustandes eine politische, eine revolutionäre Tat. Sie bedeutete den vollständigen ideologischen und organisatorischen Bruch der oppositionellen proletarischen Jugend mit der Sozialdemokratie. Sie war die klipp und klare politische Abrechnung dieser Jugend mit den verräterischen sozialdemokratischen Führern, die die Proletarier Deutschlands für die Profit- und Machtinteressen der Bourgeoisie auf die imperialistischen Schlachtfelder trieben, statt sie in den revolutionären Kampf zum Sturz der ausbeutenden und knechtenden Klassenherrschaft der Bourgeoisie, zur Überwindung des Kapitalismus zu führen. Die Osterkonferenz rief die Jugend zur Sammlung um das Banner des revolutionären Sozialismus, das Karl Liebknecht ihr vorantrug. Sie wurde damit Abrechnung und Sammlung zur politischen Mündigkeitserklärung der proletarischen Jugend Deutschlands.

Hinter der Erklärung stand der Wille zur Tat, zum Kampf. Sein Symbol war der Beschluß des demonstrativen Auftretens der Jugend gegen den Krieg am 1. Mai. Karl Liebknecht wurde bei Ausführung dieses Beschlusses verhaftet. In den verschiedenen Gegenden des Reiches gab es Jugendgenossen, die sein Schicksal als Zuchthäusler teilten.

10 Jahre sind seitdem verrauscht; so stürmisch, so fieberhaft rasch, als seien sie ein einziger Tag; und doch so angefüllt mit welterschütternden Ereignissen, als seien Jahrhunderte in ihnen zusammengepresst. Sie brachten mit dem imperialistischen Machtringen der großen kapitalistischen Staaten und den Folgen, den Auswirkungen dieses Machtringens die erste welthistorische Bankrottansage der bürgerlichen Ordnung und ihrer Kultur. Sie brachten mit der Eroberung der Staatsmacht durch das Proletariat in Russland, mit der Aufrichtung der proletarischen Diktatur in der Sowjetordnung die erste große geschichtliche Urkunde von der siegreichen Kraft der proletarischen Revolution. Die proletarische Betätigung der oppositionellen proletarischen Jugend Deutschlands, die sich im Kommunistischen Jugendverband ihre Organisation geschaffen hat, hat bewusst, tapfer und treu in den beiden großen Zeichen weltgeschichtlichen Geschehens gestanden. Wo immer seit Ostern 1916 in Deutschland das Bnner der Revolution erhoben wurde, haben organisierte Jugendproletarier opferfreudig und kühn in den vordersten Reihen und im dichtesten Kugelregen gekämpft. Groß ist die Zahl der Märtyrer, an denen die siegestrunkene Bourgeosie ihre Rache genommen hat, und nicht wenige der besten Kämpfer der Kommunistischen Partei sind aus der revolutionären Jugendorganisation hervorgegangen.

Liebe Jugendgenossinnen und Jugendgenossen! Das Gedenken eurer Osterkonferenz 1916 und der folgenden Kampfjahre muss euch zum heiligen Eidschwur werden, dass eure kämpfende Gegenwart und Zukunft der ehrenvollen Vergangenheit würdig sei. Die weithin sichtbaren Wahrzeichen der Zeitgeschichte – Weltkrieg und Weltrevolution – weisen euch auch heute den Weg. Sie stehen vor euch in Gestalt des Zusammenbruches des Völkerbundschwindels in Genf und der ruhmreichen Behauptung der Sowjetunion, des rüstigen Fortschreitens ihres sozialistischen Aufbaus. Unaufhaltsame Zerrüttung und Zersetzung der bürgerlichen Welt des Kapitalisus, ebenso unaufhaltsame Formung der proletarischen Welt des Kommunismus, das sind die beiden großen und überragenden Grundtatsachen, um die sich die Tagesereignisse und Tageskämpfe gruppieren. Jedoch diese Grundtatsachen werden sich nun und nimmer automatisch durchsetzen und vollenden.

Die Zerschmetterung des Kapitalismus und der Aufbau des Kommunismus müssen das Werk des national und international vereinigten Proletariats sein, auch euer Werk, ihr Jugendproletarier! Zu Arbeit und Kampf gehört ihr an die Seite der Kommunistischen Partei Deutschlands, unter das Banner der Kommunistischen Internationale. Ihr werdet nicht bloß eines Tages die Ablösung der kämpfenden und führenden „Alten“ sein, ihr müsst heute schon als wertvollste, zuverlässigste Bundesgenossen der „Alten“ wirken, kämpfen. Beweist, klassenbewusst handelnd, eure politische Großjährigkeit, wenn ihr auch noch so jung an Jahren seid. Gliedert eure Sturm- und Stoßtruppen in fester, unlöslicher Verbindung der roten Einheitsfront der Kommunistischen Partei für die siegreiche Führung aller Gegenwartskämpfe ein.

Rüstet euch für erobernden Kampf und für aufbauende Arbeit! Die Literatur des wissenschaftlichen, des revolutionären Sozialismus ist reich an Kampfwaffen. Macht sie euch zu eigen, sie treffen eure Feinde tödlich. Ein guter Gefolgsmann Lenins, ein vollwertiger Bolschewik kann nur sein, wer unsere Altmeister gründlich studiert. Der revolutionäre Kampf fordert auch Charakterbildung, strenge Selbstzucht. Keine pedantische Schulmeisterei zu diesem Ziele, wohl aber gründliche Vertiefung in die Geschichte der revolutionären Befreiungskämpfe, das Leben und Weben ihrer Führer und der tragenden Massen, der großen Helden aller Revolutionen.

Stark, gefestigt an Geist und Charakter, im Wissen und Erkennen, im Wollen und Tun, werdet ihr unüberwindliche Sturmkolonnen der aufziehenden Kämpfe mit der deutschen Bourgeoisie, mit der Weltbourgeoisie sein. Ostern 1916 war ein revolutionärer Anfang. Ostern 1926 kündet den revolutionären Fortschritt. Vorwärts von Schlacht zu Schlacht bis zum Siege! In geschlossener Phalanx mit den kommunistischen Jugendverbänden aller Länder, in geschlossener Phalanx mit den kommunistischen Parteien, der Kommunistischen Internationale. Glückauf eurer Arbeit von Tag zu Tag! Gückauf euren Kämpfen! In treuer Ideen- und Kampfgemeinschaft!

 

Quelle: Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. 3, Berlin 1960, S. 322–325