Polizeibericht

Auszug aus dem Bericht der Politischen Abteilung der Dresdener Polizei an die Königliche Polizeidirektion Dresden
vom 25. August 1917 über die Flugblattaktion der Dresdener Arbeiterjugend in der Nacht vom 21./22. August 1917, in der zum „Demonstrationsstreik gegen den Krieg“ aufgerufen wurde

… Die hier (d. h. für bereits vorangegangene Protestaktionen – d. Red.) in Frage kommende sozialistische Jugendorganisation für Dresden und Umgegend umfasste die Jugendlichen der 4., 5. und 8. Reichstagswahlkreise und hat die größte Anhängerschaft in Dresden und im Plauenschen Grunde, ohne indes eine feste Vereinigung zu bilden. Sie hat keine Satzungen, keinen ständigen Versammlungsraum und auch keinen eigentlichen Vorsitzenden. Ihre Leitung liegt in den Händen der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei Groß-Dresden. Die Vorstandsgeschäfte besorgt die festgenommene Henker, die ebenfalls festgenommene Griesbach, die Hahn und der mangels Beweise noch auf freiem Fuße befindliche Lewinsohn. Die “sozialistische Jugendorganisation für Dresden und Umgegend“ steht vollständig auf dem Boden der Beschlüsse der Ostern 1916 in Jena von der radikalen Sozialdemokratie unter Beteiligung Liebknechts und Rühles abgehaltenen Jugendtagung, in der der Antimilitarismus, die Bekämpfung des Krieges mit allen Mitteln und die Ausnützung aller Verhältnisse zur schleunigen Herbeiführung des Zusammenbruchs der kapitalistischen Klassenherrschaft als wichtigste Aufgaben der proletarischen Jugendbewegung hingestellt wurden und die Verwirrungsphrase von der Landesverteidigungspflicht verworfen wird. Dass diese Leitsätze bei der radikalen sozialistischen Jugend auf fruchtbaren Boden gefallen sind, zeigte sich bei der Kundgebung am 1. Mai vor der Polizeiwoche in Potschappel, gelegentlich derer aus der Menge der Jugendlichen Rufe „Wenn ihr Gestellungsbefehle bekommt, trefft nicht ein“ und dergleichen ertönten. In der Tat haben auch aus dem Plauenschen Grunde mehrere junge Leute den militärischen Gestellungsbefehlen keine Folge geleistet und einige früher zu den Jugendlichen Gehörende sind desertiert.
Wie auf vertraulichem Wege bekannt geworden ist, soll die Verteilung der Flugblätter zwar von der sozialistischen Jugend Deutschlands ausgehen, aber von der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands – Ortsgruppe Groß-Dresden – deren jetziger Vorsitzender der Landtagsabgeordnete Hermann Fleißner ist, gestützt werden, denn Fleißner hat in einer vertraulichen Sitzung am 12. August in einer Wirtschaft der inneren Altstadt folgendes mitgeteilt:
Vor kurzem habe in Halle eine gemeinsame Konferenz der Unabhängigen sozialdemokratischen Partei und der sozialistischen Jugend Deutschlands getagt und beschlossen, am 15. August 1917 in Deutschland in den GeneraIstreik einzutreten. Daran habe er die Frage geknüpft, wie sich Dresden dazu stelle. Man sei für den Generalstreik gewesen, doch der Zeitpunkt sei zu kurzbemessen gewesen, deshalb habe man sich geeinigt, am 2. und 3. September in Dresden für den Demonstrationsstreik zu wirken; bis dahin hoffte man Zeit zur Agitation zu gewinnen und genügend Material, als Flugblätter, heranzuschaffen. Diese Versammlung war von ungefähr 30 Personen, darunter auch von einem Redakteur der Leipziger Volkszeitung aus Leipzig besucht (worden). Ferner soll am 19. August 1917 in einem Luftbad in Cotta eine gemeinsame Sitzung der Jugend abgehalten worden sein, an der die inzwischen festgenommene Hella Henker, Erich Lewinsohn, Marie Griesbach, Arbeitersekretär Menke, Landtagsabgeordneter Fleißner, Frau Marie Wackwitz und der Barbier Frenzel beteiligt gewesen sein sollen. Dort soll beschlossen worden sein, zunächst am 2. September die Sedanfeier zu stören, und am anderen Tage den Generalstreik durchzuführen.
Die mit der Erörterung betraut gewesenen Kriminal-Wachtmeister Einert und Göhne werden zur Sache als Zeugen benannt.
In der Sache machen sich auch noch gegen andere Personen Erörterungen nötig, über deren Ergebnis nach Abschluß der Erörterungen Anzeige erstattet wird.

gez. Bernhard Krumbholz,
Kriminal-Oberwachtmeister.

Erinnerungen an Karl Liebknecht

Prof. Wilhelm Eildermann, Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, ehemaliger Bremer Delegierter

Genosse Gräfe und ich fuhren Ostern nach Jena, um als Bremer Delegierte an der Reichskonferenz der Jugendopposition teilzunehmen. Die Ostertage fielen im Jahre 1916 auf den 23. und 24. April. Im Eisenbahnwagen hatten wir während der Fahrt schon Kontakt mit einer Gruppe von Jugendgenossen, die aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet kamen. Besonders in Erinnerung blieb mir ein schwarzhaariges, äußerst lebhaftes Mädel aus Duisburg, das war Rosi Wolfstein.
Als wir uns im Vegetarischen Speisehaus in Jena, wo wir uns als Naturfreunde ausgaben, nach und nach versammelten, lernte ich hier zum ersten Mal persönlich Karl Liebknecht, Edwin Hoernle, Georg Schumann, Otto Rühle und andere kennen. Wir begegneten uns in Jena alle illegal. Die genannten Genossen mussten besonders vorsichtig auftreten. Sie kamen deshalb auch nicht auf das Foto, das von den Teilnehmern der Konferenz im Garten des Restaurants aufgenommen wurde. Es mögen im ganzen dreißig bis vierzig Delegierte aus den Bezirken des Reiches gewesen sein. Den Vorsitz führte Genosse Seibel aus Frankfurt/ Main. Karl Liebknecht hielt das Hauptreferat und begründete die Leitsätze, die nach einer lebhaften Debatte einstimmig angenommen wurden.
Wir wollten vermeiden, in der Stadt irgendwie aufzufallen und gingen deshalb in großen Abständen einzeln oder zu zweit durch die Straßen. Einmal begleitete ich Karl Liebknecht. Dabei erzählte er mir von seinem Kleinkrieg mit der Polizei, die ihn ständig zu bespitzeln versuchte und die er immer wieder überlistete. Liebknecht verstand es ausgezeichnet seinen legalen Kampf mit dem illegalen zu verbinden.
Seine Anwesenheit auf einer illegalen Reichskonferenz der revolutionären Jugend war an sich schon ein Meisterstück.
Beim Wandern durch die an diesen schönen Ostertagen fast menschenleeren Straßen von Jena erzählte mir Karl Liebknecht von seinem Kampf im Reichstag gegen die kriegswütige Meute der bürgerlichen und rechtssozialdemokratischen Kräfte. Systematisch wurde er im Reichstag daran gehindert, die Wahrheit über den imperialistischen Krieg des Kaiserreiches, der ein Verbrechen auch am deutschen Volke war, zu sagen. Die Vertreter der am Kriege interessierten Kapitalisten und Junker konnten frei reden, soviel sie wollten, wenn sich aber Liebknecht zum Wort gemeldet hatte, kamen prompt Anträge auf „Schluss der Debatte“, die auch angenommen wurden. Vor ungefähr zwei Wochen war er von den Kriegshetzern im Reichstag sogar tätlich angegriffen worden. Man hatte ihm seine Notizblätter vom Rednerpult gerissen und auf den Boden gestreut. Als er sie aufheben wollte, erklärte der Reichstagspräsident, Liebknecht habe die Tribüne verlassen und dürfe deshalb nicht weiterreden.
Karl Liebknecht ließ sich aber durch nichts in seinem Kampf beirren. Ich blickte in sein Notizbuch, als er einmal darin blätterte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass er gezwungen sei, für seine Notizen eine Art Geheimschrift zu verwenden, die nur er lesen konnte. Stets musste er damit rechnen, dass die Polizeispitzel versuchen würden, in seinen Sachen zu schnüffeln.
Das Zusammensein mit Karl Liebknecht auf der Konferenz blieb für mich unvergesslich. Er war in Jena in Zivilkleidung, obgleich er als Armierungssoldat nur für die Teilnahme an den Sitzungen des Reichstages beurlaubt wurde. Er sprach sehr viel auf der Konferenz, temperamentvoll und mit großer Suggestivkraft. Manchmal hatte ich das Gefühl, als hämmere er die Argumente in die Zuhörer, weil er bestimmte Formulierungen, Wendungen und Ausdrücke mehrfach wiederholte.