{"id":147,"date":"2016-03-01T14:55:48","date_gmt":"2016-03-01T13:55:48","guid":{"rendered":"http:\/\/jenaer-osterkonferenz.de\/?p=147"},"modified":"2018-05-27T14:13:34","modified_gmt":"2018-05-27T12:13:34","slug":"erinnerungen-an-karl-liebknecht-in-jena","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/jenaer-osterkonferenz.de\/?p=147","title":{"rendered":"Erinnerungen an Karl Liebknecht"},"content":{"rendered":"<p><em>Prof. Wilhelm Eildermann, Institut f\u00fcr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, ehemaliger Bremer Delegierter<\/em><\/p>\n<p>Genosse Gr\u00e4fe und ich fuhren Ostern nach Jena, um als Bremer Delegierte an der Reichskonferenz der Jugendopposition teilzunehmen. Die Ostertage fielen im Jahre 1916 auf den 23. und 24. April. Im Eisenbahnwagen hatten wir w\u00e4hrend der Fahrt schon Kontakt mit einer Gruppe von Jugendgenossen, die aus dem Rhein-Ruhr-Gebiet kamen. Besonders in Erinnerung blieb mir ein schwarzhaariges, \u00e4u\u00dferst lebhaftes M\u00e4del aus Duisburg, das war Rosi Wolfstein.<br \/>\nAls wir uns im Vegetarischen Speisehaus in Jena, wo wir uns als Naturfreunde ausgaben, nach und nach versammelten, lernte ich hier zum ersten Mal pers\u00f6nlich Karl Liebknecht, Edwin Hoernle, Georg Schumann, Otto R\u00fchle und andere kennen. Wir begegneten uns in Jena alle illegal. Die genannten Genossen mussten besonders vorsichtig auftreten. Sie kamen deshalb auch nicht auf das <a href=\"http:\/\/jenaer-osterkonferenz.de\/?p=64\" target=\"_blank\">Foto<\/a>, das von den Teilnehmern der Konferenz im Garten des Restaurants aufgenommen wurde. Es m\u00f6gen im ganzen drei\u00dfig bis vierzig Delegierte aus den Bezirken des Reiches gewesen sein. Den Vorsitz f\u00fchrte Genosse Seibel aus Frankfurt\/ Main. Karl Liebknecht hielt das Hauptreferat und begr\u00fcndete die Leits\u00e4tze, die nach einer lebhaften Debatte einstimmig angenommen wurden.<br \/>\nWir wollten vermeiden, in der Stadt irgendwie aufzufallen und gingen deshalb in gro\u00dfen Abst\u00e4nden einzeln oder zu zweit durch die Stra\u00dfen. Einmal begleitete ich Karl Liebknecht. Dabei erz\u00e4hlte er mir von seinem Kleinkrieg mit der Polizei, die ihn st\u00e4ndig zu bespitzeln versuchte und die er immer wieder \u00fcberlistete. Liebknecht verstand es ausgezeichnet seinen legalen Kampf mit dem illegalen zu verbinden.<br \/>\nSeine Anwesenheit auf einer illegalen Reichskonferenz der revolution\u00e4ren Jugend war an sich schon ein Meisterst\u00fcck.<br \/>\nBeim Wandern durch die an diesen sch\u00f6nen Ostertagen fast menschenleeren Stra\u00dfen von Jena erz\u00e4hlte mir Karl Liebknecht von seinem Kampf im Reichstag gegen die kriegsw\u00fctige Meute der b\u00fcrgerlichen und rechtssozialdemokratischen Kr\u00e4fte. Systematisch wurde er im Reichstag daran gehindert, die Wahrheit \u00fcber den imperialistischen Krieg des Kaiserreiches, der ein Verbrechen auch am deutschen Volke war, zu sagen. Die Vertreter der am Kriege interessierten Kapitalisten und Junker konnten frei reden, soviel sie wollten, wenn sich aber Liebknecht zum Wort gemeldet hatte, kamen prompt Antr\u00e4ge auf \u201eSchluss der Debatte\u201c, die auch angenommen wurden. Vor ungef\u00e4hr zwei Wochen war er von den Kriegshetzern im Reichstag sogar t\u00e4tlich angegriffen worden. Man hatte ihm seine Notizbl\u00e4tter vom Rednerpult gerissen und auf den Boden gestreut. Als er sie aufheben wollte, erkl\u00e4rte der Reichstagspr\u00e4sident, Liebknecht habe die Trib\u00fcne verlassen und d\u00fcrfe deshalb nicht weiterreden.<br \/>\nKarl Liebknecht lie\u00df sich aber durch nichts in seinem Kampf beirren. Ich blickte in sein Notizbuch, als er einmal darin bl\u00e4tterte. Er machte mich darauf aufmerksam, dass er gezwungen sei, f\u00fcr seine Notizen eine Art Geheimschrift zu verwenden, die nur er lesen konnte. Stets musste er damit rechnen, dass die Polizeispitzel versuchen w\u00fcrden, in seinen Sachen zu schn\u00fcffeln.<br \/>\nDas Zusammensein mit Karl Liebknecht auf der Konferenz blieb f\u00fcr mich unvergesslich. Er war in Jena in Zivilkleidung, obgleich er als Armierungssoldat nur f\u00fcr die Teilnahme an den Sitzungen des Reichstages beurlaubt wurde. Er sprach sehr viel auf der Konferenz, temperamentvoll und mit gro\u00dfer Suggestivkraft. Manchmal hatte ich das Gef\u00fchl, als h\u00e4mmere er die Argumente in die Zuh\u00f6rer, weil er bestimmte Formulierungen, Wendungen und Ausdr\u00fccke mehrfach wiederholte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Wilhelm Eildermann, Institut f\u00fcr Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Berlin, ehemaliger Bremer Delegierter Genosse Gr\u00e4fe und ich fuhren Ostern nach Jena, um als Bremer Delegierte an der Reichskonferenz der Jugendopposition teilzunehmen. Die Ostertage fielen im Jahre 1916 auf den 23. und 24. April. 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